Stonewall war nicht in der Wetterau. 50 Jahre Stonewall – Zeit für den ländlichen Raum?!

Ein Bericht von Chris Hey-Nguyen aus der Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“

50 Jahre ist es her, dass sich trans*-Personen, Lesben, Bisexuelle, Schwule und vor allem solche of Color in New York entschieden der Polizeigewalt entgegengestellt haben. In der Nacht vom 27. zum 28. Juni leisten sie gemeinsam Widerstand gegen eine Razzia in der Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street und wehren sich gegen Polizeigewalt, Abwertung, Ausgrenzung und Kriminalisierung. Von vielen wird dieses Ereignis als der Grundstein für den Emanzipationskampf von LSBT*IQ-Personen verstanden. Um wirklich etwas bewegen zu können, sind LSBT*IQ-Personen aufeinander angewiesen und müssen sich zusammenschließen.
Oft ist das jedoch einfacher gesagt als getan, vor allem abseits der Städte und Großstädte. Insbesondere im ländlichen Raum und in der Großzahl der Landkreise in Hessen haben die letzten 50 Jahre nicht die Sichtbarkeit und Anerkennung queerer Menschen hervorgebracht. Angebote für queere Jugendliche sind hier kaum zu finden. Dass sich im Frühjahr 2019 in der Wetterau eine Gruppe gegründet hat, die das ändern will, wirkt vor diesem Hintergrund fast spektakulär – in anderen Landkreisen sieht es ähnlich aus.
Vielleicht ist gerade jetzt, 50 Jahre nach diesem Ereignis, der richtige Moment gekommen, um den ländlichen Raum merklich stärker zu fokussieren.
Es braucht mehr queere und explizit queer-freundliche Angebote in Hessen. Ohne diese haben Jugendliche entweder weite Strecken zurückzulegen oder keine Möglichkeit, sich mit anderen queeren Jugendlichen auszutauschen. Häufig fehlen auch schon Ansprechpartner_innen, an die sie sich vertrauensvoll wenden können, gerade auch wenn sie noch nicht geoutet sind.
Queere Jugendliche beschreiben „jemanden, mit dem man reden kann“ als eine der wichtigsten Ressourcen im Coming-out. Oft wenden sie sich zunächst an Freund_innen, von denen sie vermuten, dass sie dem Thema gegenüber offen sind oder mit denen sie ein besonders vertrautes Verhältnis haben, wenn sie sich denn zum Coming-out überwinden können.
Beim Hessischen Jugendring in der Landesfachstelle „Queere Jugendarbeit“ wissen wir, dass es im ländlichen Raum zudem eine große Zahl an pädagogischen Fachkräften und Ehrenamtler_innen gibt, an die sich die Jugendlichen wenden könnten. Wichtig ist es jedoch, diese Offenheit auch zu demonstrieren. Nur so können die Jugendlichen darauf aufmerksam werden und erkennen, an wen sie sich vertrauensvoll wenden können. Je mehr Sicherheit die Jugendlichen verspüren, desto leichter fällt der erste Schritt zum Coming-out.
Es ist ein guter Anfang, das Thema im Verein einfach mal anzusprechen oder ein entsprechendes Poster oder eine Regenbogenflagge aufzuhängen. Zusätzlich hilft es zu betonen und zu zeigen, dass man weder den Eltern, noch anderen Informationen weitergibt und sensibel mit dem Thema umgeht.
Für Ehrenamtler_innen, Fachkräfte, Multiplikator_innen, Verbände, Jugendeinrichtungen und Jugendämter bietet die Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“ Schulungen, Beratung und Materialien.
Wenn man in seinem Umfeld keine queeren Jugendlichen wahrnimmt, heißt das nicht, dass es dort keine gibt. Es heißt nur, dass sich die queeren Jugendlichen nicht (umfassend) geoutet haben.
Sorgen wir also mit Sichtbarkeit, Aufklärung, Beratung und vor allem Angeboten für queere Jugendliche in allen Landkreisen dafür, dass 50 Jahre nach den Stonewall-Aufständen die Entwicklung weitergeht.

 

Bildnachweis: Deirdre Gruß, wikipedia.org (CC-by-sa 3.0/de)

Die Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“ wird gefördert durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration im Rahmen des Aktionsplans für Akzeptanz und Vielfalt.