Jugendkirche KANA

Queere Jugendarbeit in der katholischen Jugendkirche KANA – #LiebeIstBunt
Die Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“ möchte erneut in einem Beitrag aufzeigen, wie die verschiedenen Teilnehmer_innen des Runden Tischs „Queere Jugendarbeit“ sich mit queeren Jugendlichen beschäftigen. Dieses Mal bekommen wir einen Einblick in die Arbeit der Jugendkirche KANA in Wiesbaden. Hierzu hat Chris Hey-Nguyen, Projektreferent der Landesfachstelle, mit Eric Tilch gesprochen, der Jugendbildungsreferent der Jugendkirche KANA in Wiesbaden ist. Eric ist selbst homosexuell und wurde vom Bistum Limburg beauftragt, queere Jugendarbeit in der Jugendkirche KANA zu etablieren. Zu seinen ersten Aktivitäten gehörte u. a. die Veröffentlichung eines Videos, welches das Spannungsfeld „Queer und Kirche“ thematisiert.

Das Video kann hier angesehen werden.

Hi Eric, wie kam es dazu, dass ihr das Video gemacht habt und wie ist eure Position zu LSBT*IQ-Themen?
Eigentlich hatten wir dieses Jahr vor, gemeinsam mit dem Hessischen Jugendring und anderen am Christopher Street Day (CSD) in Frankfurt teilzunehmen und beim CSD in Wiesbaden dabei zu sein. Unser Ziel war es, in direkten Kontakt mit Menschen zu kommen. Dass wir uns dazu entschlossen haben, ein Video anzufertigen und zu veröffentlichen, hing maßgeblich mit der Corona-Pandemie zusammen. Da auch unsere Gottesdienste nicht stattfinden konnten, haben wir an Ostern damit begonnen, Onlineformate zu entwickeln. Dabei haben wir gemerkt, dass Onlineangebote nicht nur eine Alternative sind, sondern auch generell ein gutes Medium sind, um Menschen zu erreichen. Daraus folgend entstanden Überlegungen, wie wir digitales Arbeiten auch auf unseren noch jungen Arbeitsbereich der queeren Jugendarbeit anwenden können. Das Video empfanden wir als gute Möglichkeit, nach außen zu kommunizieren, was unsere Botschaft zu queeren Themen ist.

Als Außenstehender nimmt man häufig nur jene Stimmen in der katholischen Kirche wahr, die sich kritisch oder sogar eher feindlich gegenüber LSBT*IQ-Themen äußern. Wie hat sich eure Position zu queeren Themen in den letzten Jahren entwickelt und verändert und was ist eure Botschaft?
Für uns bildeten LSBT*IQ-feindliche Einstellungen in der Kirche gewissermaßen die Grundlage, sich mit queeren Themen auseinanderzusetzen. Dabei stellten wir diesen diskriminierenden Einstellungen unsere alltäglichen und positiven Erfahrungen in der Begegnung mit queeren Menschen gegenüber. Basierend auf der dadurch entstandenen Diskrepanz entstand unser Wunsch, Gegenpositionen sichtbar zu machen. Denn wieso sollen immer nur jene Stimmen laut sein, die sich feindlich gegenüber LSBT*IQ-Personen aussprechen?

Möglich war das vor allem durch unseren neuen Bischof und die Aufgeschlossenheit gegenüber LSBT*IQ-Themen auf der Leitungsebene des Bistums. Wir haben nicht das Gefühl, durch das Sichtbarmachen von positiven queeren Positionen in Schwierigkeiten zu geraten, wie es früher eher der Fall gewesen wäre. Stattdessen bekommen wir sogar Unterstützung.

Sind die Leitungsebene des Bistums und der neue Bischof selbst die einzigen Faktoren oder haben noch andere Faktoren zu der Entwicklung beigetragen? Siehst du vielleicht auch einen Trend in dieser Entwicklung?
Der Impuls, etwas in Richtung queerer Jugendarbeit zu machen, kam schon bei uns aus dem Team – aber großen Einfluss hatten dabei eben auch veränderte Rahmenbedingungen. Wir haben jetzt die Freiheit und können etwas tun. Grundsätzlich sehe ich schon auch den Trend, dass queeren Themen eine größere Relevanz zugesprochen wird. Das hat uns am Anfang vielleicht sogar etwas in eine Richtung gelenkt, die für uns gar nicht so zielführend war. Als das Thema bei uns aufkam, war der erste Impuls queere Jugendarbeit explizit für queere Jugendliche anzubieten. Mittlerweile erscheint es uns aber sinnvoller, unsere Regelangebote zu hinterfragen und offen auch für queere Jugendliche zu gestalten. Wir wollen also inklusiv sein, was queere Jugendliche angeht. Dabei ist es uns besonders wichtig, dass wir die Offenheit, die wir nach außen kommunizieren, am Ende auch einhalten können. Unser Hauptziel ist es, für junge queere Menschen da zu sein. Dabei handeln wir nach dem Grundsatz, dass alle Menschen von Gott geliebte Geschöpfe sind und sie nach ihrer jeweiligen Fasson leben dürfen. Ein Grundsatz, der in der katholischen Kirche immer mehr Zuspruch erhält.

Erlebt ihr dabei auch Konflikte in der Kirche? Gibt es also auch Personen, bei denen eure Bemühungen auf Unmut stoßen?
Das Umfeld ist offener, als wir zunächst angenommen haben. Wir haben vor einigen Monaten an unserer Kirche ein großes Regenbogenbanner aufgehängt und erwartet, dass wir daraufhin auch die ein oder andere kritische Stimme hören und waren uns auch mit Blick auf das Bistum nicht ganz sicher. Doch zu unserem Erstaunen gab es keine negativen Rückmeldungen. Das soll natürlich nicht verschleiern, dass es sicherlich noch negative Einstellungen in den Köpfen vieler Menschen gibt und etwas Vergleichbares in einer anderen Stadt ganz anders ablaufen könnte. Die kritischen Stimmen, die es gibt, haben in der Vergangenheit Bemühungen auch verhindert. Sie scheinen sich aber mittlerweile nicht mehr so gut durchsetzen zu können. Dies schafft eine Situation, in der Dialoge sehr gut möglich sind. Wir begrüßen das sehr. Es ist nicht unser Anliegen Leute auszuschließen, selbst wenn sie das Thema kritisch sehen. Stattdessen wollen wir das Gespräch suchen und das scheint bisher ganz gut zu funktionieren.

Was wollt ihr denn außerdem noch tun, um eure Kirche für junge LSBT*IQ-Personen attraktiv zu gestalten?
Aktuell widmen wir uns vor allem einem gemeinsamen Projekt mit der Kolping Jugend des Bistums Limburg und dem Abteilungsleiter Familien und Generationen, der als LSBTI-Beauftragter im Bistum tätig ist. Mit diesen beiden Kooperationspartner_innen wollen wir das Thema im Bistum Limburg stärker etablieren. Vorstellen könnten wir uns z. B. Podiumsdiskussionen zum Thema aber auch die Weiterentwicklung unserer Freizeiten. Wir wollen im Bistum queere Themen öffentlich ansprechen, Sichtbarkeit schaffen und zeigen, dass wir bunt und vielfältig sein wollen und sind. Als eine der ersten Jugendeinrichtungen im Bistum Limburg, die sich mit queerer Jugendarbeit beschäftigt, ist es uns wichtig, auch über die Stadtgrenzen von Wiesbaden hinaus zu denken und zu handeln. Es freut uns daher sehr, dass das Thema auch von unserer Leitungsebene ernstgenommen und unterstützt wird. Doch unser Kernauftrag ist natürlich die Arbeit mit jungen Menschen vor Ort. Daher haben wir z. B. für den IDAHOBIT in Wiesbaden das Imagevideo gedreht und waren beim Alternativprogramm des diesjährigen CSD Wiesbaden dabei. Hierdurch ist es uns gelungen, sichtbar zu werden und uns als Kooperationspartner zu etablieren. Auch weiterhin wollen wir gemeinsam mit der Aids-Hilfe Wiesbaden, dem Verein Warmes Wiesbaden und vielen anderen neue Projekte anstoßen.

Was war für euch der ausschlaggebende Grund euch Kooperationspartner_innen zu suchen?
Da gibt es zwei ausschlaggebende Gründe. Einerseits waren wir auf diese angewiesen, weil wir ein gewisses Maß an Sichtbarkeit brauchen. Das war auch der Grund, warum wir hier in Wiesbaden beim Runden Tisch teilgenommen haben und auch bei Veranstaltungen der Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“. Wir brauchen für uns diese Vernetzung. Das führt auch direkt zum zweiten Grund: Es war uns wichtig, auch einen Blick von außen zu haben und zu reflektieren, weil wir natürlich primär eine kirchliche Perspektive haben. Das brauchten wir vor allem auch, weil wir uns mit unserer Tätigkeit nach außen richten wollen. Wir möchten eine Relevanz für ein breiteres Publikum und dabei öffentlich Stellung bekennen. Ein gutes Beispiel für diese Perspektivvielfalt war unser Videoprojekt. Dieses haben wir ganz bewusst gemeinsam mit Warmes Wiesbaden, der Aids-Hilfe und Schlau e.V. produziert, um unsere Sicht zu weiten. Ihre Anregungen haben uns geholfen, die aktuelle Sicht auf Kirche besser zu verstehen und so auch die Charaktere im Video entsprechend zu gestalten.

Dann würde ich Dir zum Abschluss noch eine eher persönliche Frage stellen. Wie verortest Du Dich denn selbst und wie steht das in einem Zusammenhang mit Deiner Stelle und queerer Jugendarbeit?
Ich persönlich bin homosexuell und habe mich daher schon sehr früh mit der Frage auseinandergesetzt, wie Kirche und Homosexualität zusammenpassen. Schon als Jugendlicher war ich in der Kirche aktiv und mir war immer klar, dass mein Glaube ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. In meiner Berufsfindungsphase hatte ich dann teils sehr an dieser Fragestellung zu knabbern. Ich habe mich dann trotzdem getraut, mich bei einer katholischen Einrichtung zu bewerben. Dabei konnte ich feststellen, dass es innerkirchlich eine viel größere Akzeptanz gibt, als ich erwartet hatte. Für den Beruf in der Kirche habe ich mich entschieden, weil ich das Potential sehe, innerhalb meiner Tätigkeit für andere ansprechbar zu sein. Vielleicht ist es für andere queere Menschen auch ein ermutigendes Zeichen, zu sehen, dass es möglich ist, als queere Person in der Kirche tätig zu sein. Die große Akzeptanz und Unterstützung, die ich in Kirche erfahren habe, ermutigt mich, eine Botschaft an andere queere Menschen zu richten: Traut euch, seid in Kirche aktiv und bewegt auch Kirche, denn Kirche muss und kann verändert werden.

Und zum Abschluss möchte ich Dich fragen, was Du persönlich gläubigen queeren Jugendlichen mit auf den Weg geben würdest.
Ich weiß, dass katholische Kirche oft abschreckend ist, aber es gibt viele Personen, die euch zuhören, euch nicht ablehnen, sondern annehmen, wie ihr seid. Das gibt es schon heute in Kirche, Gott sei Dank. Es braucht immer noch Mut, das Wort zu ergreifen und zu sagen „ich bin homosexuell“, „ich bin bisexuell“ oder „ich bin trans*“ – aber traut euch. Womöglich findet ihr eine_n Ansprechpartner_in, die_der euch hilft, auch in anderen Kontexten mit eurer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität umzugehen. Es ist schwierig und es birgt immer noch Gefahren, aber wer sich traut kann auch gewinnen.

Können sich queere Jugendliche in der katholischen Kirche, die Fragen haben oder eine_n Ansprechpartner_in suchen, bei dir melden und bleiben sie dabei anonym?
Sie können sich sehr gerne melden und bleiben selbstverständlich anonym.

Ihr erreicht Eric unter e.tilch@jugendkirche-kana.de

 

Die Landesfachstelle Hessen „Queere Jugendarbeit“ wird gefördert durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration im Rahmen des Aktionsplans für Akzeptanz und Vielfalt.